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Vier brasilianische Manifeste

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Tupy or not tupy, that is the question.
Oswald de Andrade: Manifesto Antropofágico

Zur Einführung

Die vier hier vorgestellten Dokumente wurden in den Jahren 1944, 1946, 1963 und 1966 in Brasilien verfasst. Da in Lateinamerika musikalische Manifeste nicht üblich sind, bilden sie eine Ausnahme. Von ihrem Inhalt her sind es radikale Deklarationen ethischer, ideologischer und ästhetischer Prinzipien, getragen vom gesellschaftlichen Engagement für eine neue Welt. Ihre Vorläufer in der Geschichte der brasilianischen Kultur finden sich im Gedankengut der Semana Modernista (Modernistische Woche) von 1922 und im Manifesto Antropofágico (Anthropophagisches Manifest) von Oswald de Andrade von 1928.

Die von Hans-Joachim Koellreutter geleitete Vereinigung Grupo Música Viva hatte trotz ihrer kurzen und umstrittenen Existenz eine tiefgehende und aufrüttelnde Wirkung in ganz Brasilien. Ihre beiden Manifeste entwerfen eine umfassende Zukunftsvision für das künstlerische Schaffen, die musikalische Erziehung und Vermittlung.

Im Unterschied zu anderen Komponistengruppierungen wie zum Beispiel der 1929 in Buenos Aires gegründeten Gruppe Renovación, der unter anderen Juan Carlos Paz, Luis Gianneo und Juan José Castro angehörten und deren Hauptaufgabe die Verbreitung der Werke ihrer Mitglieder war, wollen sowohl die Gruppe Música Viva als auch die von Paz 1937 gegründete und geleitete Pioniergruppe Agrupación Nueva Música den verschiedenen Varianten der zeitgenössischen Musik gegenüber eine offene Haltung einnehmen.

Das Manifest música nova hat Rogério Duprat als Ideologen. Die Gruppe strebt nach einem avantgardistischen Internationalismus und knüpft an einige der revolutionären Vorschläge an, die sich schon bei Música Viva ankündigen.

Der wichtigste Komponist und Gründer der música nova sowie Mitunterzeichner ihres Manifestes ist Gilberto Mendes (1922), dessen Werke der sechziger Jahre - wie u.a. Nascemorre, Beba Coca Cola, Santos Football Music und Vai e vem - , einen Bruch mit der akademischen Vergangenheit bedeuteten, und gleichzeitig eine kritische und bilderstürmerische Haltung widerspiegelten, die sich in mehreren Fällen auf die konkrete Poesie stützte.

Das Manifest der Compositores da Bahia wurde im April 1966 veröffentlicht. Zur Gruppe, die sich in der Stadt Salvador (im Nordosten Brasiliens) um den Schweizer Komponisten Ernst Widmer an der Universität von Bahia bildete, gehörten ursprünglich Lindembergue Cardoso, Fernando Cerqueira, Milton Gomes, Nikolau Kokron, Jamary Oliveira und Walter Smetak. Der einzige Satz ihres Manifests zeigt in seiner Synthese eine völlig kompromisslose Haltung und verweigert sich jedem Versuch einer formellen Erklärung, wie es in den vorausgehenden Manifesten der Fall war.

Graciela Paraskevaidis

Montevideo, März 2004

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Manifest I: Gruppe Música Viva, 1944
Manifest II: Gruppe Música Viva, 1946
Manifest III: Música Nova, 1963
Manifest IV: Compositores de Bahia, 1966

 

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